»Wie vielfältig darf Liebe sein?«
TEIL 01 – SAM
Ich stehe bei der Spüle und wasche ab, als ich den Schlüssel im Türschloss höre …
… trottende Schritte, das Knallen der Tür.
Niemand kommt so laut wie Mike. In mehrerlei Hinsicht.
Trotzdem hält er es für nötig, sich zusätzlich mit seiner Stimme anzukündigen. »Bin zurück und tot und … keine Ahnung. Hilft mir jemand, die Schuhe auszuziehen?«
»Ich denke, das kriegst du auch allein hin.«
»Sam! Trag mich auf die Couch.«
Ich nehme den sauberen Topf von der Spüle und trockne ihn ab. »Ich muss das Geschirr wegräumen, das hier seit gestern Abend steht.«
Er schnappt nach Luft. »Du lässt mich einfach hier? Unfassbar.« Ich sehe ihn förmlich vor mir, wie er im Vorraum auf dem Boden sitzt und sich mit all den nie enden wollenden Wörtern auf den Lippen die Schuhe auszieht. »Wofür haben wir den Geschirrspüler angeschafft, wenn du wieder alles selbst machst? Sam, du hast ein Workaholic-Problem.«
»Nicht alle Töpfe gehören in den Geschirrspüler.«
»Blödsinn. Alles kommt da rein.«
»Und nur mehr halb wieder raus.«
»Hältst du mir das mit der Tasse von deinem ehemaligen Chef immer noch vor? Ich hab dir drei neue gekauft und mir die Knie wundgescheuert bei meinen Entschuldigungen.«
Er übertreibt. Auch wenn ich seine Entschuldigungen sehr genossen und sie ihm in gleichem Maß zurückgegeben habe.
Ich höre einen Reißverschluss, Klamottenrascheln, seine Stimme. »Weil bisher sämtliche Zwischenargumente ausbleiben, nehme ich an, du bist allein.«
Ich stelle die trockenen Teller in den Schrank und ziehe den Abtropfbehälter für das Besteck näher. »Ja.«
»Wo ist Jackie?«
»Kurs.«
»Immer noch?«
»Bis neun.«
»Dachte, sie kommt früher. Wann ist ihre Prüfung noch gleich?«
»In drei Wochen.«
»Ich kann am Wochenende nochmal mit ihr lernen.«
Das Besteck klackert, als ich es in die Bestecklade sortiere. »Ihr fresst euch nur wieder gegenseitig auf.«
»Bestimmt. Aber liebevoll.« Erneut höre ich seine Schritte, die ihn näher tragen – vorerst nur bis zur Badezimmertür, die vertraut quietscht. In den letzten vier Jahren habe ich sie schon öfter geölt als geöffnet und trotzdem quietscht sie weiter.
Aus dem gefliesten Raum ruft Mike mir wieder zu. »Ich will jedenfalls, dass sie diesmal durchkommt.«
Ich auch. Jackie lernt seit Monaten dafür und mit dem Zertifikat kann sie ihre Selbstständigkeit in großen Schritten voranbringen. Derzeit arbeitet sie in einem Café nahe der medizinischen Uni, um sich die Ausbildung zur Grafikdesignerin leisten zu können.
Nachdem ich alles weggeräumt habe, trockne ich die Spüle aus. Dabei kriecht mir ein leises …
… »Hey« …
… über die Schulter und berührt meinen Hals.
Mike steht hinter mir, sodass seine Körperwärme auf mich übergeht.
Ich drehe mich zu ihm und gebe ihm einen Kuss. Einen zum Gruß, so wie wir uns einen Kuss geben, wenn jemand die Wohnung verlässt – mit einer Selbstverständlichkeit, die ich bis heute oft nicht richtig begreifen kann.
Der Geruch von Kaugummi steigt mir in die Nase, was bedeutet, dass er ihn vor der Tür noch geschluckt haben muss, weil Jackie das schmatzende Geräusch nicht ausstehen kann.
Er ist rücksichtsvoll und das ist eine Eigenschaft, an die ich mich erst gewöhnen musste, nachdem sie den Großteil meines Lebens Mangelware gewesen ist.
Dementsprechend kann ich immer noch nicht glauben, dass sich jemand wie Mike mit mir abgibt. Er hat Chemie studiert und arbeitet in einem Labor für Lebensmittelanalysen, während ich nach meinem Pflichtschulabschluss eine Lehre in einer Autowerkstatt gemacht habe. Zudem habe ich eine Vergangenheit als verhaltensauffälliger Jugendlicher samt kleiner Polizeiakte, weil ich viel zu lange an den falschen Orten nach dem richtigen Platz für mich gesucht habe.
Mike hat diese Seite bereits einmal miterlebt und ich bin nicht gerade stolz darauf. Aber ich habe damals einfach zugeschlagen, noch bevor jemand die Chance gehabt hatte, die Situation zu deeskalieren.
Und das nur wegen eines Spruches, der Mike gegolten hat – nein, uns als Paar.
Zum Glück ist das Ganze gut und ohne Anzeige ausgegangen.
Ich berühre Mikes Arm und betrachte sein müdes Gesicht, die Handvoll Sommersprossen, die grünen Augen, unter denen ein fahler Schatten sitzt. »Langer Tag?«
»Lange Woche, langer Monat, langes Alles heute.« Er kommt mir entgegen und umarmt mich, kuschelt sich an meinen Körper und gibt sein Gewicht auf mich ab, was ich ihm gerne abnehme. »Heute hat mich ein älterer Kollege hart rangenommen.«
»Ich gehe davon aus, dass du von der Arbeit redest.«
Halb lachend schnaubt er an meinen Hals. »Leider. Dabei habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass du vorbeikommst und mich angemessen für meine Arbeit belohnst.«
Ich lasse meine Hände höher wandern und drücke ihn fester an mich. »Was ist passiert?«
»Er meinte, ich verstehe nichts von … sagen wir einfach Listen dazu. Ist kompliziert. Egal. Jedenfalls sind das Listen, die ich vor ein paar Monaten selbst erstellt habe. Ich habe das studiert. Mit Master-Abschluss. Aber erzähl mir ruhig was über mein Fachgebiet, auf dem ich Experte bin, Herbert.«
»Klingt anstrengend.«
Sein Kopf kippt kraftlos zur Seite. »Du hast keine Ahnung.«
Etwas ungelenk drücke ich ihm einen Kuss auf die Wange. »Was hältst du davon, wenn wir dich auf andere Gedanken bringen?«
»Muss ich mich dabei bewegen?«
Langsam streiche ich seinen Rücken auf und ab. »Nicht, wenn du nicht willst.«
Meine Hand arbeitet sich unter sein Shirt und Mike atmet tief ein, Worte aus. »Bist du nicht müde?«
»Wovon soll ich müde sein? Ich rolle den ganzen Tag auf meinem Skateboard, wie du es nennst, unter Autos und hoffe, dass mir kein Motor ins Gesicht fällt.«
Er murrt verstimmt. »Danke für den Horrorfilm, können wir den Sender wechseln?«
»Direkt zum Porno?«
Er lacht leise und lockert die Arme, worauf seine Hände an meinen Seiten tiefer streichen. »Hätte nichts dagegen. Muss mir nur vorher die Demütigung abwaschen.«
»Mach.« Ich lehne mich zurück an die Spüle. »Hast du Hunger?«
»Ja.« Er hebt den Kopf und knabbert an meinem Ohr. »Auf dich. In der Hoffnung, dass du mich nachher so richtig gut durchfickst.«
Trotz seines hohen Abschlusses redet er von uns dreien am vulgärsten. Ein Phänomen, das mich öfter scharf macht, als ich mir eingestehen will. »Ich rede von Nahrung.«
»Hast du heute nichts für mich, das ich schlucken kann?«
Mein nur halb drohendes …
… »Mike« …
… klingt atemloser, als es in diesem frühen Stadium sein sollte.
Ein letztes Mal atmet er tief ein und lässt mich los. »Ich hab in der Arbeit noch was gegessen.«
»Gut.« Denn gelegentlich vergisst er darauf. »Dann geh duschen, ich warte im Bett auf dich.«
»Kann’s kaum erwarten.«
Ich sehe ihm dabei zu, wie er fast über seinen fallengelassenen Rucksack stolpert und schließlich heil ins Bad findet.
Ähnlich ungeschickt ist er auch in mein Leben gestolpert – oder besser gesagt aus seinem Wagen, den er mit Mühe und Not bis zu meiner Werkstatt getreten hat.
[Ende der Leseprobe]
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ein Taschenbuch-Sammelband folgt 2027


