VORBESTELLER-AKTION:
eBook nur € 3,99 statt € 5,99

TEILBIOGRAFIE & PSYCHOLOGISCHES DRAMA

ab 20. NOVEMBER erhältlich

[NOTE: die Vorbesteller-Aktion gilt für einen Kauf bei Amazon, für Thalia und alle anderen Plattformen gibt es dieselbe Preisaktion von 20.11.-22.11.]

»Wie weit bist du bereit, für deine Liebe zu gehen?«


Der Bericht

16. April 20XX
Stadt A, Staat X

[ … ] als um 23:48 Uhr die Polizei am Tatort eintraf, konnte nur noch der Tod von Marianne F. (35) festgestellt werden. Die Tat, so ein zuständiger Polizeibeamte, wurde mit einem großen Küchenmesser verübt. Laut Autopsiebericht führte bereits der erste Stich in den Hals zum Tod des Opfers. Dennoch weist der Leichnam fünf weitere Einstiche im Abdomen auf, was auf ein aggressives Verhalten des Täters schließen lässt. Daniel F. (10), der Sohn der Ermordeten, wurde von Nachbarn allein auf der Straße gesehen und der Polizei übergeben, da er deutliche Blutspuren aufwies. Verletzungen konnten an ihm jedoch keine festgestellt werden. Aufgrund psychischer Instabilität kann er derzeit nicht für Befragungen herangezogen werden und befindet sich gegenwärtig in psychologischer Behandlung. Peter F. (41), der Ehemann des Opfers, gilt als dringend tatverdächtig. Weitere Behörden wurden bereits verständigt, um den Flüchtigen ausfindig zu machen.

Der Junge

11. Oktober 20XX
Stadt B, Staat Y

Daniel.

Angeblich der Name des Großvaters väterlicherseits. Seine Mutter hatte den Namen im Familienregister gefunden und sein Vater hatte alles mit einem Schulterzucken und einem …

… »Kann man machen« …

… abgesegnet.

Das lag nun siebzehn Jahre in der Vergangenheit.

Mittlerweile war Daniel nur mehr einen Katzensprung von seiner Volljährigkeit entfernt. Diese überschaubare Entfernung füllte er überwiegend mit Schule, denn seine Ausbildung war ihm wichtig. Er hatte hervorragende Noten und keine Probleme zu lernen oder sich Sachen zu merken. Das waren Eigenschaften, die er brauchte, um an eine Universität zu kommen, um einen guten Job zu finden und letztendlich gutes Geld zu verdienen.

Wichtige Punkte auf seiner Zukunftsliste. Neben seiner körperlichen Gesundheit musste er sich um den Aufbau einer sicheren Existenz kümmern.

Damit es anders wurde.

Besser.

So, wie es sein sollte.

Daniel war kein beliebter Schüler. Er hatte Leute, die mit ihm Hausaufgaben machten oder mit ihm lernten, doch außerhalb dieser Verpflichtungen traf er sich nicht mit ihnen.

Niemals …

… würde er seine Zeit damit verschwenden.

Lieber saß er auf seinem Platz in der ersten Reihe, sah gelegentlich hoch oder aus dem Fenster und stellte sich vor, er könnte über das Licht hinweg in die Dunkelheit des Alls hinauf sehen. Zu den Sternen.

Einmal hatte ein Mitschüler gefragt …

… »Bist du noch da, Dan?« …

… warum er so oft nach oben, in den Himmel, an die fleckige Decke starrte.

Daniel hatte nur den Kopf geschüttelt und den Blick abgewandt. Sie würden es nicht verstehen. Weil sie nicht so viel Glück hatten wie er. Womöglich nie so viel Glück haben würden.

Also hoffte er weiter, dass der letzte Gong des Tages ihn aus dieser täglichen Gewohnheit namens Schule entließ, damit er das Schulgebäude verlassen und sich endlich auf den Weg machen konnte.

Das Gespräch

»Daniel« …

… wird abgelenkt, umgelenkt. Von seinem Weg, der ihn nach Hause bringen sollte. Zu seinen täglichen Verpflichtungen, die er heute noch erledigen musste.

Aber da war eine Hand auf seinem Arm, auf seiner Haut. Zusammen mit einer Stimme …

… »Hast du kurz Zeit?« …

… die sich unangenehm aufdringlich an sein Ohr drängte.

Cecilia stand neben ihm, mehr hinter ihm. Die blonden Haare streng zurückgebunden, wartete sie auf eine Antwort, während Daniel sie betrachtete. Sie trug ihre Sportsachen. Wahrscheinlich musste sie gleich zu ihrem Lauftraining, denn jeder redete ihr ein, dass sie das kommende Schulturnier gewinnen würde. Allerdings war sie nicht nur im Laufteam der Schule, sondern auch in derselben Klasse wie Daniel. Tatsächlich saß sie nur drei Tische weiter, neben der Tür.

Ein fleißiges Mädchen, das ihn kaum weniger interessieren konnte.

Auf seine Frage hin …

… »Brauchst du was?« …

… trat sie einen Schritt zurück. Als hätte sie Angst. Vielleicht hatte sie das auch.

Trotzdem blieb sie und sah ein wenig an ihm vorbei. »Ja. Also, nein. Nicht ich. Es geht um eine Freundin, also …« Sie schnaubte, von etwas genervt, das Daniel nicht nachvollziehen konnte. »Ich soll dich fragen, ob du dich mal mit ihr treffen willst.«

»Ich soll mich mit deiner Freundin treffen?«

»Ja.«

›Warum fragt sie mich das nicht selbst?‹ »Und wer ist deine Freundin?«

Die Pause war kurz und Cecilias Gesicht wurde von Verwirrung oder Schock verzerrt. »Emma? Sie sitzt hinter dir. Spürst du denn die flammenden Blicke in deinem Nacken nicht?«

›Nein.‹

Dazu interessierte er sich zu wenig für die Mädchen in seiner Klasse.

Von Emma wusste er nur, dass sie Anfang des Jahres wegen eines Unfalls und einer anschließenden Operation länger im Krankenhaus gewesen war und den Rest des Schuljahres nicht am Turnunterricht hatte teilnehmen können. Darüber hinaus wusste er nicht einmal, wie sie aussah.

Sie war irrelevant in Daniels Leben, daher …

… »Tut mir leid« …

… lehnte er ab.

Jedes Mal fand er Ausreden im Zeitmangel durch Lernen und Arbeiten und seinem Training. Was nie jemand hinterfragte, weil Daniel auch nicht auf Fragen einging.

So wie er jetzt nicht auf Cecilias Fragen einging. Auf ihre Warums und Weshalbs und Wiesos.

Irgendwann entschuldigte er sich, fast schon höflich, verließ schließlich das Schulgelände und fand sein Auto in der dritten Parkreihe hinter der Turnhalle.

Dort hielt er kurz inne.

Er legte den Kopf in den Nacken und blickte hoch, in den Himmel, an den Wolken, an diesem aufdringlichen Blau, dem Licht vorbei in eine Unendlichkeit, die er kaum begreifen konnte.

Er sah, was außer ihm gerade niemand sehen konnte.

Die Sterne.

Sein Stern …

… wartete bestimmt schon auf ihn.

Die Tante

Sie nannte ihn Danny.

Danny, das Kind, das er in ihren Augen immer noch war. Das er in ihren Augen für immer sein würde.

Alles, was Daniel über diese Frau wusste, beschränkte sich auf ihre Arbeit in einem Schuhgeschäft sowie auf die Tatsache, dass sie einen alten, etwas rostigen Toyota fuhr. Auf dem Beifahrersitz fand er mit seinen langen Beinen kaum Platz.

Zum Glück nahm sie ihn so gut wie nie mit zu ihren Erledigungen.

Nur wenige Tage nach seinem Einzug vor sieben Jahren hatte sich ein wortkarger, bedeutungsloser Trott zwischen ihnen eingestellt.

Daniel hatte sich schnell eingelebt und war froh gewesen, so wenig wie möglich mit seiner Tante zu tun zu haben. Sie war ihm fremd und bemühte sich nicht darum, das zu ändern.

Alles ging über Nachrichten.

Ihre feine Handschrift auf diesen kleinen, meist grotesk bunten Zettelchen war ihm bereits unangenehm vertraut.

Dort fand er Zeitangaben zu ihrer Rückkehr oder Glückwünsche zu seinem ersten Arbeitstag oder Anweisungen zu anstehenden Haushaltsarbeiten.

Arbeiten für ein Haus mit acht Zimmern und fast doppelt so vielen Fenstern.

Diesen Sommer musste auch jemand das abbröckelnde Blauweiß der Außenfassade auffrischen.

Und Daniel wusste, wer sich darum kümmern würde, denn …

… »Ich komme für alles auf und auch du wirst deinen Beitrag leisten, Danny.«

Dabei konnte er nicht gerade behaupten, gerne zu putzen, aber da er das Dach über seinem Kopf behalten wollte, schluckte er jegliche Kommentare hinunter und versuchte, sie später wieder auszupinkeln.

Zumal Daniel auch daran glauben wollte, dass seine Tante keine schlechte Person war. Meistens zumindest. Wie jeder auf dieser Welt hatte auch sie gelebt und erlebt. Sie war geprägt. Wie jeder andere auch. Bereits von zwei Ehemännern verlassen, hatte sie die Hoffnung auf eigene Kinder aufgegeben. Sie meinte, sie sei zu alt, hatte zu wenig Zeit und keine Nerven mehr für die Erziehung von Kindern.

Kleinen Kindern.

Das große Kind in ihrem Haus schien ihr kaum noch richtig aufzufallen. Vielmehr ignorierte sie es. Das Erziehen und Lieben und Familie sein.

Weil es zu viele Erinnerungen hervorrief.

An ihre Schwester.

An seine Mutter.

Seine tote Mutter.

Das Alltägliche

Daniels Alltag bestand aus aufstehen, trainieren, Schule, heimkommen, essen, Aufgaben machen und lernen, trainieren und schlafen gehen. Ein festgefahrener Rhythmus, der sich Tag für Tag wiederholte.

Seine Tante arbeitete den ganzen Tag über und ließ sich auch in ihrer freien Zeit nur dann blicken, wenn ihre Zettel-Kommunikation nicht mehrausreichte. Oder es ergab sich durch Zufall, durch Unachtsamkeit.

Wie letztens, als Daniel ihr abends bei der Eingangstür begegnet war.

Daniel wollte rein, seine Tante raus, was bloß zu lächerlicher Gesichtsakrobatik und erzwungener Freundlichkeit geführt hatte. Ein Akt der Anstrengung, den sich beide gerne erspart hätten.

Sobald Daniel seinen Abschluss hatte, hielt ihn nichts mehr in dieser leeren Hülle von Heim.

Nachdem seine Tante zu ihrem Kunstkurs oder Tanzkurs oder Fortbildungskurs gefahren war, schleppte sich Daniel mit schweren Schritten in die Küche, holte sich ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit diesem übertrieben kalkhaltigen Wasser aus der Leitung.

An die Küchenzeile gelehnt trank er es in einem Zug aus, füllte nach und stellte es auf den Tisch, bevor er sich den vorbereiteten Teller aus dem Kühlschrank holte und zum Aufwärmen in die Mikrowelle stellte.

Dem Geruch nach zu urteilen war es dasselbe Gericht wie gestern.

Daniel störte sich nicht daran. Seine Tante wusste nicht, was er gerne aß. Er wusste es selbst nicht und nahm sich auch nicht die Zeit dazu, es herauszufinden. Essen musste ihn ernähren und fit halten, alles andere spielte keine Rolle.

Sein Magen krampfte. Vor Hunger oder Vorfreude oder Ungeduld.

Spürbar verstimmt murrte er …

… »Schneller« …

… der Mikrowelle entgegen und kippte sich das Wasser erneut in einem Zug hinunter.

Anschließend wusch er das Glas ab und stellte es an seinen rechtmäßigen Platz im Schrank zurück.

Je weniger seine Tante wusste, was er tat, welche Gegenstände er anfasste oder in welchen Räumen er sich bewegte, desto besser.

Die Mikrowelle piepte und gab Daniels Essen frei.

Mit dem ersten Bissen verbrannte er sich die Unterlippe, mit dem zweiten die Zunge und konnte erst mit dem vierten schmecken, was für ihn nicht von Bedeutung war.

Beinahe satt, wusch er den Teller ab, räumte ihn weg und trocknete die Spüle sorgfältig aus. Anschließend kümmerte er sich um seine Hausaufgaben und sah sich die Unterlagen für den kommenden Test an.

Dabei hatte er die Uhr, die Zeit, die sie ihm vorgab, ständig im Blick. Bis es endlich soweit war und er die Hefte und Bücher in sein Zimmer hochbrachte, um keine Spuren zu hinterlassen.

Den Rucksack um eine Schulter geschlungen, verließ er das Haus, zog den Schlüssel aus der Hosentasche und entsperrte sein Auto.

Ein weißer, etwas zerkratzter Gebrauchtwagen, den ihm seine Tante …

… »Ausnahmsweise, Danny« …

… durch einen Vorschuss seines Erbes besorgt hatte. Den Rest des überschaubaren Vermögens würde er mit achtzehn ausbezahlt bekommen.

Die Freiheit, die sich darin verbarg, berauschte ihn.

Da er den Führerschein erst seit ein paar Monaten sein Eigen nennen konnte, fuhr er vorsichtig. Zur Schule, in die Stadt und ein Stück daran vorbei. So wie jetzt …

… hoffte er, heute noch die Sterne zu sehen.

Das Geld

Daniel bekam von seiner Tante Taschengeld. Für Bücher und Kleidung und Essen, aber Daniel gab sein Geld nicht leichtfertig aus.

Nicht für diese unnötigen Dinge. Stattdessen lebte er von selbstgemachtem Essen, das er aufwärmte, und von Wasser, das er aus der Leitung bekam. Seine Kleidung war sauber, aber alt, seine Bücher aus der Bibliothek geliehen oder gebraucht gekauft.

So hielt er sich am Leben.

Alleine. Am Tisch sitzend, essend, manchmal lesend.

Er lebte.

Um weiterhin zu überleben, um sich selbst am Leben zu halten. Um sich daran zu klammern, als gäbe es tatsächlich nichts Wertvolleres für ihn …

… arbeitete er. In einem Sportgeschäft. Mal im Lager, mal an der Kasse, meistens bei den schweren Geräten im ersten Stock. Dort schleppte er Bälle und Hanteln, große wie kleine, zu den Ausstellorten, wo er zusammenbaute und säuberte, was andere wieder ungeniert anfassten.

Immerhin hatte hier alles seinen Platz. Das gefiel ihm. Weil er wusste, wo sein Platz war. Und jede Stunde, die er arbeitete und Geld verdiente, brachte ihn näher zu dem Platz, der nur für ihn bestimmt war.

Die Stadt

Daniel lebte gerne hier.

In dieser Stadt.

Mit all ihren Möglichkeiten.

Mit all dem, was sie ihm ermöglicht hatte.

Besonders die Nacht gefiel ihm. Mit ihren unzähligen Lichtern, die alles erhellten und Wege wiesen, die sonst niemand bemerkt hätte.

Lichter, die nicht mit der bitteren Dunkelheit seiner alten, viel kleineren Stadt zu vergleichen waren.

Ein Vergleich, den er nicht gerne zog, weil er nicht an seine alte Stadt denken wollte.

Vielmehr wollte er vergessen und die Schatten in seinen Gedanken durch die grellen Lichter seiner neuen Stadt vertreiben.

Denn hier war alles gut. Hier war er in Sicherheit.

Hier hatte er sein Licht.

Der Club

Das Shining Lights.

Ein zweistöckiges Gebäude etwa fünf Autominuten vom Stadtzentrum entfernt.

Daniel betrat den Club mit gesenktem Kopf durch den Hintereingang. Dort kannte man ihn. Vorne dagegen schickten ihn meistens die Türsteher wieder weg. Dabei hatten sie ihn schon oft gesehen. Allein, aber auch in Begleitung. Begleitung, die hier arbeitete. Was nichts daran änderte, dass Daniel minderjährig und somit nicht erwünscht war in so einem Club.

Zumindest sagte man ihm das. Trotzdem hieß man ihn willkommen. Talitha kam ihm noch im Flur entgegen und legte eine Hand auf seinen Arm.

Mit einem Schritt zur Seite schüttelte sie wieder ab. Er wollte nicht berührt werden.

Nicht von ihr.

Sie lachte nur. »Ach, Daniel, du bist pünktlich wie mein Sodbrennen jeden Morgen. Langsam glaube ich, die Tabletten machen es schlimmer statt besser.«

Ihr starker Akzent stellte ihm die Haare im Nacken auf. Ähnlich wie ihr Anblick. Unter dieser Maskerade von Make-up musste ihre Haut bereits erstickt sein, aber die hohen Lederstiefel interessierten ihn. Auch das Kleid, das scheinbar nur aus einzelnen Bändern bestand, fing seinen Blick ein.

Talitha war gut anzusehen, aber nicht nach seinem Geschmack. Trotzdem hatte er Mühe seinen Blick von ihrem Dekolleté loszureißen und in ihre Augen zu blicken. Das fiel ihr auf, aber sie reagierte nicht, lächelte stattdessen wieder. »Sie arbeitet noch, Daniel.«

Ihr Zwinkern brachte ihre aufgeklebten Wimpern zum Beben.

Daniel wich ihr aus und murmelte …

… »Kann ich hier warten?«

»Das musst du doch nicht fragen. Natürlich kannst du warten.«

Er hob den Blick und sah, dass sie ihm deutete, ihr zu folgen. Den Flur entlang. Vorbei an geschlossenen Türen und geöffneten Fantasien.

Ein paar Schritte weiter, öffnete sie die genietete Ledertür am Ende des Flurs und ließ Daniel vorgehen; in den großen Gemeinschaftsraum, mehr ein Pausenraum.

Der Duft unzähliger Parfums und Tabakrauch drängten sich seiner Nase auf. Er hielt die Luft an, atmete weiter, weil er einen ganz bestimmten Geruch herausfiltern wollte. Doch er fand nicht, wonach er suchte.

Sie war nicht da.

Talitha hatte es ihm gesagt und trotzdem war er enttäuscht.

Neugierige Blicke fanden zu den Neuankömmlingen. Vertraute Blicke aus vertrauten Gesichtern. Daniel kannte sie alle namentlich. Jede einzelne.

Spica …

… war gerade erst zweiundzwanzig geworden, mit schmalem Gesicht und netzartigen Leggins, die in roten, kniehohen Lederstiefeln verschwanden. Eine Studentin, für die das Studieren schon länger zweitrangig geworden war, um ihre Mutter zu unterstützen.

Capella …

… hatte ständig Probleme mit ihren Kontaktlinsen, weil sie ihre blau-grauen Augen nicht mochte. Sie war selten hier, weil sie dieser Arbeit nur nachkam, um ihre Schulden abzubezahlen. Sie war ziemlich unauffällig, aber präsent genug, um Daniel im Gedächtnis zu bleiben.

Nashira …

… bestand darauf, dass Daniel sie Nash nannte, weil sie ja Freunde, zumindest gute Bekannte waren, nachdem sie sich nach ihrer Scheidung bei ihm ausgeheult hatte.

Rana …

… richtete gerade ihr Korsett, das mehr zeigte als versteckte. Gelegentlich brachte sie Daniel selbstgemachte Süßwaren mit, die er nicht immer annahm, weil sie die bestimmt auch für ihre drei Kinder brauchte.

Bellatrix …

… war die älteste unter ihnen, Mitte Fünfzig. Sie trug stets einen pinken, flauschigen Schal, um die wulstige Narbe an ihrem Hals zu verbergen, die ihr nach einer lebensnotwendigen Operation geblieben war.

Jede von ihnen war nach einem Stern benannt.

Es gab noch weitere Angestellte, aber die hatten keine Sternnamen, waren manchmal bloß wenige Wochen hier, mussten in ihre Herkunftsländer zurück oder suchten sich einen anderen Arbeitsplatz. In einer anderen Stadt, in einem ähnlichen Club.

Nur wenige genossen, was sie hier machten.

Daniel dachte nicht weiter darüber nach.

Der Anfang

Daniel hatte Spica als eine blauhaarige, leicht angetrunkene junge Frau kennengelernt.

In einem Club. Einem anderen Club. Etwas außerhalb, wo niemand sie kannte.

Natürlich hatte er dort keinen legalen Zutritt; genauso wenig wie all die anderen Minderjährigen seiner Schule. Aber seine Tante hatte nicht gewusst, wo er war oder sich schlichtweg nicht darum gekümmert, was er tat. Oder mit wem er was tat.

Also war er mit anderen Schülern aus seiner Klasse dorthin gefahren. Mit dem Bus.

Und Spica hatte ihn gleich an der Bar angesprochen. Einfach so.

Ohne Vorwarnung …

… war der Abstand zwischen ihnen geschrumpft.

Zwei geschmuggelte Cocktails und eine gezielte Berührung zwischen Daniels Beinen später, war seine Jungfräulichkeit Geschichte gewesen. Verloren in einer vollgeräumten Besenkammer, begleitet von der Trommelfell zerreißenden Musik des Nachtclubs.

Das war Daniels erstes und einziges Mal mit Spica gewesen. Einen Abend, eine Stunde, ein paar atemlose Minuten lang war sie zu seiner Mentorin und Geliebten geworden.

Danach hatte sie ihm von ihrer neuen Arbeit erzählt, von einem Ort voller Lichter, und hatte ihn mit jedem weiteren Wort in eine ihm bis dahin fremde Welt gezogen. Mit der verlockenden Aufforderung …

… »Komm doch mal vorbei, wenn dich das interessiert. Ich weiß, wie du reinkommst. Die anderen haben sicher nichts dagegen. Aber erzähl es besser nicht herum, ja?«

Daniel war Spicas Einladung ins Shining Lights gefolgt. Mit all seinem Ersparten, weil er nicht gewusst hatte, was ihre Einladung zu bedeuten hatte.

Aber ihre Vorstellung …

… »Das ist Daniel, seid nett zu ihm« …

… war knapp ausgefallen, bevor sie ihn im Pausenraum zurückgelassen hatte. Mit den anderen Sternen, die sich sofort auf ihn gestürzt hatten und wissen wollten …

… »Darfst du überhaupt hier sein? Bist du ein Freund von Spica? Gehst du noch zur Schule?«

Seine Antworten waren ebenfalls knapp und unsicher ausgefallen, genauso wie seine Blicke, die er nie länger als einen Atemzug lang an den Körpern haften ließ. Niemand war ihm zu nahe gekommen. Auch Spica nicht.

Daniel hatte sich nicht daran gestört, vielmehr hatte er genossen, was er gefunden hatte: unaufdringliche Unterhaltungen, viel zu süße Getränke und viel zu salzige Snacks, aber vor allem einen Platz, einen Ort, an den er zurückkehren durfte.

Seine Besuche waren bald zu einer regelmäßigen Gewohnheit geworden.

Einige Kunden, aber auch die Angestellten an der Bar hatten gedacht, er wäre der Sohn von einem der Sterne.

Wie gerne er das wäre.

Aber sein Glück hatte auf sich warten lassen. Mehrere Wochen und Monate. Dann war sie endlich vor ihm erschienen. Mit rotem Haar, großen Augen und einem Lächeln, das nicht nur dem Jungen im Pausenraum, sondern ihm, Daniel, gegolten hatte.

Letztendlich war sie die erste gewesen, die ihn mit auf ihr Zimmer genommen hatte. Vorerst nur zum Aufräumen, da sie in ein Gespräch vertieft gewesen waren, aber irgendwann hatte er sich in ihrem Bett, in ihrer Umarmung wieder gefunden.

Er hatte es geliebt.

Hatte sie geliebt, liebte sie immer noch. Die Sucht, die tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Leise und hinterhältig. Wie ein Raubtier …

… hatte er alles andere ausgeblendet und sich nur mehr auf sie konzentriert, weil er in den trostlosesten, dunkelsten Zeiten seines Lebens endlich einen Fixstern gefunden hatte.

Seine Mira.

Das Angebot

Bereits am ersten Spätnachmittag, den Daniel hier verbracht hatte, waren sie ihm aufgefallen. Die Worte und Zahlen, die sauber formatiert und gut lesbar an der Wand über dem Sofa hingen.

Neben der Bar im Clubbereich hing dieselbe Liste. Auch sie hatte er schon mehrmals studiert. Tagsüber, wenn er außerhalb der Öffnungszeiten vorbeikommen durfte, um sich mit den Sternen zu unterhalten, um sich ihre Geschichten und Wahrheiten anzuhören.

Das Angebot umfasste Aktivitäten, die von gewöhnlich bis gesellschaftswidrig reichten, und eine Auswahl an Spielzeugen, die in manchen Paketen sogar inbegriffen waren.

Der letzte Punkt war eine Reihung diverser Fetische. Die hatte sich Daniel noch nie durchgelesen. Er musste es nicht wissen. Es war nicht wichtig zu wissen, denn er verlangte nie etwas, das sie ihm nicht freiwillig gab.

Er wollte sie sich bewahren, wie sie war.

In all ihrer Reinheit, in der er sie kennen und lieben gelernt hatte.

Die Leuchtkraft

Eine Stunde später saß Daniel immer noch auf dem Sofa.

Allein.

Er wurde zunehmend nervös, weil er länger wartete als sonst. In der Zwischenzeit hatte er von Spica, aber auch von Bellatrix jugendfreie Getränke bekommen, die ihn bald auf die Toilette treiben würden.

Verpasste er sie dann? Wusste sie überhaupt, dass er auf sie wartete? Hatte ihr jemand Bescheid gegeben?

Mehrmals überlegte er, ihr zu schreiben, was sie jedoch nur bei der Arbeit gestört hätte. Er wollte nicht aufdringlich sein und wollte auch nicht verzweifelt wirken.

Er würde warten und hier sein, wenn sie so weit war. In der Zwischenzeit lauschte er dem ansteigenden Lärm. Dem Raunen der Gespräche, dem Klirren der Gläser, dem Bass der Musik, die seinen Körper in eine ungerechte Unruhe trieben.

Einmal stand er sogar auf, trat ein paar Schritte in den Teppich, nur um sich doch wieder hinzusetzen.

Der Raum war ihm vertrauter als sein Zimmer im Haus seiner Tante. Er kannte die Gerüche, die Geräusche, die Körper, die hier kurzzeitig verweilten, sich mit ihm unterhielten und ihn doch wieder allein zurückließen.

Eine Notwendigkeit, die er nicht leugnen konnte.

Ein Warten, das sich lohnte.

Die ganze Zeit über behielt er seinen Blick bei sich, bei der Liste hinter ihm oder richtete ihn auf den Boden.

Er wollte nicht unhöflich sein.

Schließlich verdankte er ihnen alles, was er hatte, was ihn ausmachte.

Irgendwann ging die Tür erneut auf. Nur wurde ihm diesmal ein ganz besonderer Geruch herangetragen.

Daniel sah hoch, sah …

… ›Mira‹ …

… die durch die Tür kam, die zu den Zimmern der oberen beiden Stockwerke führte.

Gerade strich sie sich durch das feuerrote Haar und lockerte es auf. Sie war barfüßig, trug eine schwarze Leggins und ein grünes, langärmeliges Top.

Daniel blieb ruhig sitzen und versuchte, sich kleiner zu machen. Damit er sie noch etwas länger ansehen konnte.

Zielgerichtet brachte sie zwei leere Gläser zu dem Tablett, das genau dafür auf der Kommode unter dem breiten Spiegel stand. An einem der Gläser klebte roter Lippenstift.

Nach einem tiefen, erschöpften Atemzug sah sie hoch, in den Spiegel, erst in ihr Gesicht, dann in Daniels.

Er sah den Moment, sah ihn in ihrem Blick, in ihrem gesamten Körper, als sie erschrak, herumfuhr und sich an der Kommode festhielt. »Daniel!« …

… stand auf, kam ihr einen Schritt entgegen.

Zeitgleich sog er das Geräusch in sich auf, das sie von sich gab.

Sie lachte. Wegen ihm.

Für ihn …

… ließ sie die Kommode los. »Hast du mich erschreckt. Niemand hat mir gesagt, dass du hier bist. Oder doch? Aber ich könnte dich nicht vergessen, Daniel.«

Wieder lachte sie.

Mit Mühe.

Unsicher?

Sie hob eine Hand, schmunzelte dabei noch ein wenig. »Gib mir eine Minute, ja?«

Er hätte ihr die Ewigkeit gegeben, wenn sie in seinem Besitz gewesen wäre.

Sie verschwand hinter einer Tür. In dem kleinen Bad säuberte sie sich immer, bevor sie für Daniel bereit war.

Als sie zurückkam, wirkte sie jünger, wacher.

Diesmal lag es an Daniel zu lächeln.

Vor allem, als sie ihn umarmte.

Sanft. Schützend.

Sie roch so unglaublich gut.

Nach Karamell. Nach etwas Erdigem.

Ihr Flüstern …

… »Gehen wir gleich hoch?« …

… berührte sein Ohr, als sie ihm eine Hand in den Nacken legte. »Ich hab dich so vermisst.«

Die Welt stand still.

Sein Stern leuchtete.