»Wie still musst du sein, um gehört zu werden?«
NOTE: die Geschichte beinhaltet im geringen Maße Einflüsse des österreichischen Sprachgebrauchs, daher können manche Wörter und Wortbedeutungen vom Standarddeutschen abweichen.
00
Ein Junge wird geboren.
Es gibt Kuchen, Umarmungen und freundliche Gesichter …
… Fratzen, die dem Jungen Angst einjagen.
Falsche Worte wechseln die Besitzer und werden zu richtigen Ausdrücken von Gefühlen, von Gedanken und Geschenken, die niemand haben möchte.
Der Mann streicht dem Jungen über den Kopf und grinst. Er zeigt die Zähne, bleckt sie in trügerischem Schein.
Die Frau hält den Jungen im Arm und summt bedrohlich leise ein Lied, das ein Monster lockt, bis es hinter ihnen hockt, um seinen warmen Atem in ihre Nacken zu hauchen.
Der Junge ist dem Mann, der Frau, dem Monster zwischen ihnen ausgeliefert, weil er noch nicht begreift, dass …
… »Wir lieben dich« …
… bloß Worte sind.
01
Die Szene ist stets dieselbe.
Beklemmend.
Vertraut …
… wie Kläger und Richter und die Anklagepunkte, die in gewohnt absurden Rechtfertigungen und liebevollen Täuschungen enden.
Das Verfahren ein flüchtiger Moment, eine Ansammlung willkürlich verhängter Strafen.
Zurück bleibt ein Täter.
Ein Opfer.
Ein Herzschlag, der …
… bodom, bodom …
… unerträglich laut durch die Stille hallt.
Ein lautes, bestimmtes …
… Bodom …
… reißt mich aus dem Halbschlaf.
Mein Körper spannt, lauscht, hört …
… »Seth, Schatz. Du musst endlich aufstehen und frühstücken, der Bus kommt bald.«
Heiser erwidere ich etwas.
Ich räuspere mich.
Dann ist da keine Stimme mehr.
Weder hier in meinem Zimmer noch draußen im Flur.
Ich lausche. Auf die Schritte. Auf das Weggehen.
Auf die darauffolgende Stille.
Ich schlucke ein paar Mal, ignoriere den Schmerz und stehe auf, um mir Klamotten aus dem Schrank zu suchen.
Dort ist alles sauber zusammengelegt und sortiert. Ein selbstverständliches Privileg, um das ich mich noch nie selbst kümmern musste – meistens auch gar nicht darf, weil …
… »Nein, nein, du musst erst die Hosenbeine … Warte, Schatz, nicht so. Ach, lass mich das machen.«
Ich suche mir ein Shirt aus der Lade, ziehe eine Weste über und den Ärmel über meinen pochenden, geschwollenen Handrücken. Er ist nicht mehr blau, sondern grün oder gelb. Die Haut spannt, als ich eine Faust balle, sie öffne und wieder balle.
Der große Fleck stammt von einem Tritt, von einem Schuh, der mir Kiesel und Dreck in die offene Wunde gerieben hat.
Der Arzt meinte …
… »Da bleibt eine kleine Narbe zurück. Aber das habe ich wirklich gut genäht. Ich nehme jetzt die Fäden raus. Eine weitere Kriegsverletzung, was?« …
… dass eine weitere Narbe nicht auffällt.
Ich mache mich im Bad fertig und vergesse fast meinen Rucksack, bevor ich es endlich nach unten schaffe.
Ich bin allein in der Küche.
So wie jeden Morgen.
Ein gewohntes Ritual, bei dem Gerüche meine leicht verstopfte Nase füllen. Mit Kaffee, warmem Brot, Kakao.
Beinahe geräuschlos setze ich mich auf einen der drei leeren Stühle. Eine noch schwach dampfende Kaffeetasse steht mir gegenüber. Auf der anderen Seite des Tisches.
Niemand sitzt auf dem Stuhl dahinter.
Ich greife nach der Tasse Kakao auf meinem Platz, nippe daran, knabbere schweigend an dem belegten Brot. Rechts im Hals tut es weh. Das Schlucken, das Atmen.
Trotzdem esse ich weiter.
Von oben dringt leise eine Stimme bis zu mir durch.
Ansonsten ist es still im Haus.
02
Michael zieht seinen Stuhl an meinen Platz ran und lässt sich darauf fallen, eine ausgebrochene Brotdose in der Hand. »Was hast du heute dabei? Willst du was eintauschen?«
Mein Blick wandert zu meinem belegten Brot, dem Apfel, der Wasserflasche, die ich mir heute Morgen aus dem Keller geholt habe.
Wortlos schiebe ich ihm alles hin, obwohl ich bereits gelernt habe, dass er den Apfel nicht anrühren wird.
Aus großen, grünen Augen sieht er vom Essen zu mir hoch. »Echt? Hast du keinen Hunger?«
Ich schüttle den Kopf, weil ich eigentlich nie Hunger habe. Michael dagegen hat immer Hunger, isst auch ständig. Vielleicht, weil er älter ist. Er wiederholt das Jahr, hat zu oft gefehlt, zu wenige Hausaufgaben gemacht, zu schlechte Noten geschrieben.
Kein Musterschüler.
Da sind wir uns ähnlich. Muss er gespürt haben. Gleich am ersten Schultag hat er sich zu mir gesetzt, die anfänglichen, roten Bartstoppeln gekratzt und angefangen, mich in seinen Worten zu ertränken.
Vollkommen grundlos …
… sitzt er seitdem ständig bei mir und meinte …
… »Du bist so schön ruhig.«
Deshalb zieht er mich anderen vor, obwohl er sich mit allen gut versteht. Ganz anders als ich. Ich kenne nicht mal den Namen des Jungen, der vor mir sitzt. Michael dagegen kennt alle aus unserem und seinem alten Jahrgang mit Vor- und Nachnamen.
Ein unglaubliches Gedächtnis für unnötige Dinge.
Er kennt sogar meine Spindnummer oder weiß zumindest, welcher Spind meiner ist, weil er mir nach dem Unterricht vorausgegangen und daneben stehen geblieben ist, während ich meine Schuhe angezogen habe.
Diese Anhänglichkeit hält sich schon seit fünf Wochen.
Nicht nur wegen der vielen Sommersprossen und der roten Haare, sondern auch wegen der lockeren Art, die er jedem präsentiert.
Sogar mir.
Aber auch den Lehrern gegenüber.
Manchmal schläft er im Unterricht ein. Eigentlich schläft er jeden Tag im Unterricht ein. Die Lehrer lassen ihn schlafen, kennen das vielleicht schon. Hin und wieder schickt man ihn auch ins Krankenzimmer, damit er dort weiterschlafen kann.
Diese Unbeschwertheit ist beneidenswert.
Nach dem langweiligen Aufdrängen irrelevanter, erwachsener Weisheiten hängt Michael sich bei mir an. Die Wege sind viel zu umständlich und wir brauchen länger als nötig. So kommt keiner von uns nach Hause.
Stört mich nicht – genauso wenig wie sein endloses Gequatsche.
»Du bist echt das glatte Gegenteil von der Affenhorde, die andere meine Familie nennen. Besonders mit Kleinkindern im Haus. Ich hoffe wirklich, dass Jay nun der letzte ist. Weißt du, was Brian und Becky neulich gemacht haben? Ich war mit Simone und den Zwillingen gerade in der Küche, da kommen die beiden reingestürmt und …«
Er redet weiter. Von allem und nichts. Weil er sonst wohl nicht zum Reden kommt.
Trotzdem verliert er nie ein Wort über mein Verhalten. Wenn ich grundlos zusammenzucke, mich zu dick anziehe, meine Haare so gut es geht ins Gesicht streiche.
Wenn ich auf gewisse Fragen keine Antworten weiß.
Beiläufig lässt Michael sich zwei Zigaretten von mir geben und genießt sie mindestens so sehr wie ich.
Dann klingelt sein Handy.
Stimmenwirrwarr, Hektik.
Jemand weint.
Michael legt einfach auf, atmet tief aus und Rauch ein.
Er erklärt nichts, lächelt nur angestrengt und verabschiedet sich an der nächsten Kreuzung. Ein direkterer Weg zu seinem Haus.
Mein Blick folgt ihm, bevor ich weitergehe, heim.
03
Ich starre auf das Display meines Handys.
Mama hat es mir vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt. Sie hat nicht dafür gearbeitet oder bezahlt, trotzdem stand nur ihr Name auf der kleinen Klappkarte.
Es ist mein erstes Handy. Ich bin sicher, ich habe es nur bekommen, weil es Papas Idee gewesen ist.
Letztendlich ist es mir egal, meine Freude darüber hat sich in Grenzen gehalten, nachdem ich nicht gewusst habe, was ich damit tun soll. Wen ich damit anrufen, wem ich schreiben soll.
Aber ich habe ein paar Spiele für mich entdeckt, Videos und Musik, die ich mir zur Sicherheit nur mit Kopfhörern ansehe.
Je weniger sie von mir mitbekommen, desto besser.
Mein Finger wischt lautlos über das Schutzglas, über die neue Nachricht.
Michael hat mir geschrieben. Einfach so …
… hat er mir letztens das Handy aus der Hand genommen, seine Nummer eingespeichert und sich selbst damit angerufen. Auf einmal hatte ich einen Kontakt mehr.
Nun sind es drei.
Damit kann ich nicht umgehen.
Meine Antworten auf seine täglichen Nachrichten sind knapp, meist einsilbig.
Michael schweift auch beim Schreiben zu sehr ab.
Aus all den unnötigen Worten lese ich raus, dass er wissen will, was ich mache.
Nichts.
Das schreibe ich ihm.
Keine Antwort.
Was soll ich jetzt tun?
Soll ich etwas tun?
Ich richte meine Kopfhörer, öffne eine App und tippe auf das erste Video, das mir empfohlen wird, nehme nicht richtig wahr, was es ist, und drehe die Lautstärke auf, bis ich meine Gedanken nicht mehr hören kann.
Dann warte ich weiter.
Doch es kommt nichts.
Irgendwann schlafe ich ein.
Geräusche …
… schrecken mich hoch.
Stimmen …
… malen mir ein Bild der Situation.
Wut …
… dringt durch alle Wände im Haus.
Stille …
… brüllt aufdringlich durch meinen Verstand.
04
Ich spaziere durch die Siedlung.
Schritt für Schritt …
… folge ich einem Ziel, das ich nicht habe.
Ich rauche und lasse mir von der Musik in meinen Ohren die Welt ausblenden. Es ist eine dunkle Welt, die von den Lichttupfen der Straßenlaternen bespuckt wird.
Die nächtliche Kälte kriecht mir beständig unter die Kleidung und ich weiß, dass ich bald zurückmuss. Kann auch nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufgeht. Laut der Zeitanzeige meines Handys bin ich seit fast vier Stunden unterwegs.
Ich hinke ein wenig, aber daran bin ich gewöhnt. Meine Beine tragen mich trotzdem weiter, weil sie gar keine andere Wahl haben.
Einige Zeit später sitze ich am Straßenrand und sehe der Asche dabei zu, wie sie durch oder eher auf den Kanaldeckel fällt.
Auf der anderen Straßenseite reihen sich die nur teilweise eingezäunten Vorgärten der Einfamilienhäuser, die unserem gleichen. Nirgendwo brennt Licht, niemand ist um zwei Uhr morgens wach.
Ein kleiner, undefinierbarer Schatten huscht von einem Garten in den nächsten, in eine Hecke, die den Schatten in sich aufnimmt.
Nach einem letzten Zug drücke ich die Zigarette neben mir aus und lasse sie in die Tiefe des Kanals fallen.
Der Song ist zu Ende und lässt mich unangenehm lange Sekunden im Dunkeln zurück.
Kaum donnern die ersten Basstöne des nächsten Songs durch meinen Verstand, reagiere ich auf eine Bewegung in meinem Augenwinkel.
Ein Auto biegt in die Straße ein.
Ein Streifenwagen.
Manchmal frage ich mich, woher sie wissen, wo ich nachts entlanggehe.
Oder bin ich derjenige, der sie aufspürt?
Ich bin erheblich größer als andere in meinem Alter und werde im Dunkeln schon mal für einen Erwachsenen gehalten. Darauf hoffe ich auch jetzt. Mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf stehe ich auf, um weiterzugehen.
Aus Erfahrung habe ich gelernt, dem Feind entgegenzugehen ist weniger auffällig, als vor ihm davonzulaufen.
Mein Plus schlägt aus, als der Wagen langsamer wird, blinkt. Er bleibt stehen und ich überlege, doch noch das Weite zu suchen, während mir bewusst ist, dass ich mit meinem Knie höchstens fünf Schritte weit kommen würde.
Ein Mann reckt seinen Kopf aus dem Fenster der Fahrerseite und deutet mir, die Kopfhörer abzunehmen.
Widerwillig folge ich der Aufforderung und entlasse die Musik ins Freie.
»Hast du den letzten Bus verpasst?«
Ich schüttle den Kopf.
»Was machst du dann hier? Wie alt bist du?«
Ich weiß nicht, wie ich zwei Fragen auf einmal beantworten soll, und hebe eine Schulter.
Der Mann sieht vor und zurück, den Weg entlang, den ich gekommen bin. Vielleicht sucht er jemanden, in dessen Beschreibung ich passe.
Ich frage mich, in welchem Film ich das schon mal gesehen habe.
Dann findet sein Blick zurück zu mir. »Wohnst du in der Nähe?«
Ich nicke, weil ich das Stadtviertel nie verlassen habe, obwohl ich einfach weitergehen könnte.
Fort – egal, wohin.
Aber …
… »Ich bring dich heim, in Ordnung?« …
… der Polizist hat andere Pläne für mich.
Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass mich ein Streifenwagen nach Hause bringt. Wahrscheinlich wird es auch nicht das letzte Mal sein.
Das Problem ist: Ich will nicht heim.
Nicht, nachdem ich gerade erst von dort weggekommen bin.
Der Polizist öffnet die Tür und ich weiche zurück, weil ich das Prozedere bereits kenne. Ein wenig bin ich bereit, wegzulaufen.
Dummerweise hat mir das bisher auch nichts gebracht.
Noch weniger bringt es mir, mich zu wehren. Doch manchmal weiß ich mir nicht anders zu helfen. Ich musste deswegen schon mal in Therapie, was jedoch keinerlei Früchte getragen hat. Wahrscheinlich muss man öfter als dreimal hingehen.
Der Polizist erklärt mir …
… »Du bist vielleicht groß, aber trotzdem zu jung, um so spät allein herumzuwandern. Vom Rauchen reden wir besser nicht. Ich kann es riechen. Gib mir die Packung.«
Weil ich sonst nichts getan habe, bleibt es bei einer Verwarnung. Er will mir eine Chance auf Besserung geben.
Meine Vorstrafe wird nicht erwähnt. Vielleicht weiß er gar nichts davon, vielleicht ist er genauso müde wie ich und froh, wenn er wieder seine Ruhe hat.
Dann muss ich heim.
Ich sitze auf der Couch im Wohnzimmer.
Mama steht in Pyjamahose und Shirt vor mir. Die Aufschrift ›Sunny Mood‹ verhöhnt mich. »Seth, Schatz! Warum bist du mitten in der Nacht draußen?«
Papa trägt einen Bademantel über seiner Unterhose. »Es ist halb drei morgens, Junge. Bist du noch bei Trost?«
Ich bin auf seine nackten Füße konzentriert, auf den seltsam verbogenen Nagel seines großen Zehs. Erzählungen nach ist ihm während des Umzugs in dieses Haus der Schlafzimmerschrank aus den Händen gerutscht und auf seinen Zeh gefallen, weil er nicht gut genug ausgewichen ist.
Die Unzulänglichkeit muss ich von ihm haben. Dinge nicht gut genug zu machen. Ich passe nicht gut genug auf, ich laufe nicht gut genug weg, ich höre nicht gut genug zu; und merke schließlich, dass sie gar nicht mit mir reden.
»Wie kommt er überhaupt raus?«
»Ich weiß genauso viel wie du, oder?«
»Wir müssen stärker durchgreifen.«
»Du übertreibst, Liebling.«
»Er hat eine Vorstrafe!«
»Ich weiß! Was soll ich dagegen machen? Er war einfach nur draußen, weil du das Haus mit deiner Negativität verpestest. An seiner Stelle hätte ich auch angefangen, zu rauchen und wegzulaufen.«
»Willst du sagen, du machst hier irgendwas besser? Wer weiß, was er getan hätte, wenn man ihn nicht eingesammelt hätte?«
»Hast du in seinem Alter nie Fehler gemacht?«
»Nicht solche! Steh gefälligst hinter mir.«
»Ich muss morgen früh raus und hab keinen Nerv, mich mit sowas mitten in der Nacht rumzuschlagen. Er lebt, hat nichts verbrochen und hört sich das gerade an. Was willst du mehr? Halt mich da raus.«
Dann geht er – wahrscheinlich zurück ins Bett.
Also mustere ich Mamas grün-weiß gestreifte Socken. Sie bewegt die Zehen darin. Heile Zehen.
»Warum läufst du ständig weg, Schatz? Was soll ich noch mit dir machen? Du hast Hausarrest. Und gib mir dein Handy. Dann gehst du ins Bett.«
Ich komme dem nach und stehe auf, will nur mehr weg, bevor die Situation eskaliert.
Sie nimmt mir das Handy aus der Hand und ich atme auf, als ich ihr den Rücken zudrehe.
Aber ich bin nicht schnell genug. Ein fester Griff in meinen Haaren, mein Kopf wird zurückgezogen. Fast verliere ich mein Gleichgewicht. Stechender Schmerz rast über meine Kopfhaut und treibt mir Tränen in die Augen. »Entschuldige dich zumindest!«
Mir kommt kein Ton über die Lippen, weil mir ein Wimmern in der Kehle sitzt.
Dann lässt sie los und ich reibe fest über die Stelle an meinem Hinterkopf.
»Warum bist du so undankbar? Weißt du, was wir alles für dich tun, damit du ein gutes Leben hast? Ich habe gerade keine Kraft mehr für dieses Spiel. Geh hoch und bleib dort, bis wir was anderes sagen.«
Also gehe ich hoch und bleibe dort.
05
Der Hausarrest nagt an meinem Verstand.
Normalerweise bin ich tagsüber immer draußen. Egal wo, irgendwo. Nur nicht hier.
Diesmal darf ich meine Strafe in meinem Zimmer absitzen, mich frei im Haus bewegen und sogar im Keller rauchen.
Sonst werde ich streng überwacht.
Papa fährt mich zur Schule und Mama holt mich ab. Sie haben sich ihre Arbeitszeiten so gelegt, dass immer jemand daheim ist, wenn ich nicht in der Schule bin. Dann sehen sie ständig nach mir, fragen, was ich gerade mache und wohin ich will.
Manchmal schaffe ich es, ungesehen aufs Klo zu gehen.
Ansonsten ist mir langweilig.
Michael war seit drei Tagen nicht mehr in der Schule.
Daher hebe ich ab, als er mich Freitagabend anruft. »Sieh an, du lebst noch. Meine unnötigen Nachrichten liefen ständig ins Leere, genauso wie meine Anrufe. Dachte schon, du ignorierst mich. Weißt du, wie eintönig meine täglichen Konversationen sind? Ich vermisse die Außenwelt. Und noch mehr vermisse ich Leute in meinem Alter. Plus minus. Machen wir morgen was? Wie, Hausarrest? War deshalb dein Handy tot? Oh, was hast du angestellt und warum war ich nicht dabei? Warte, vergiss das, ich hab keine Zeit zum Dabei sein. Hey, komm doch stattdessen mal bei uns vorbei. Es herrscht Chaos, aber wenn man sich darauf einlässt, ist es ganz erträglich. Ich kann auch mit deinen Eltern reden. Warte, das klingt seltsam. Weißt du, ich rede ständig mit Erwachsenen, um Dinge auszumachen. Ist kein Problem für mich. Erst vorgestern war ich bei Becky in der Schule und musste ihrer Klassenlehrerin erklären, dass wir uns diese Sonderausgabe von dem Buch wirklich nicht leisten können. Ich meine, welche Organe muss ich verkaufen, um das Geld aufzutreiben? Und wo kriege ich überhaupt Organe her?«
Ich weiß nicht, wovon er redet und wie er so unkoordiniert von einem Thema zum anderen kommt.
Irgendwann merke ich, dass er raucht und ich auch eine brauche. Aber ich will nicht durch das Haus wandern, um in den Keller zu kommen, solange ich nicht weiß, wer gerade wo was macht. Dann erzählt Michael mir von einem neuen Rezept, das seine Geschwister als essbar anerkannt haben. Ich höre ihm zu, obwohl ich nie koche.
Schätze, es ist gut, sowas zu können.
Kochen. Sich selbst versorgen.
Ich frage mich, warum Michael das alles kann.
Mama ist weggefahren und Papa kommt erst in ein paar Stunden von der Arbeit.
Ich stehe im Keller.
Rauchend, ein wenig müde, eine Flasche in der Hand, aus der ich trinke – nur ein paar Schlucke, die mir die Kehle bitter benetzen. Ein angenehm vertrautes Gefühl, das mich aufatmen lässt.
Ich habe den Vorrat an Alkohol vor zwei Jahren entdeckt, als ich eine andere Strafe aussitzen musste, Durst hatte und mich nicht getraut habe, nach Wasser zu fragen. Also habe ich die Regale und Schränke durchsucht und dreizehn Flaschen entdeckt. Sekt und Wein. Eine Flasche für jedes meiner Lebensjahre.
Mittlerweile sind es weniger, während ich irgendwann fünfzehn geworden bin.
Bestimmt bin ich auch dafür zu jung. Daher bin ich vorsichtig, nehme nur die offenen Flaschen und nie mehr als eine Handvoll Schlucke.
Bisher ist es ihnen nicht aufgefallen. Wahrscheinlich weil sie sich zum Essen oft selbst ein Glas Wein gönnen.
Ich dämpfe ab, nehme noch einen kleinen Schluck und stopfe den Korken in die Öffnung, bevor ich die Flasche ins Regal zurücklege und den Stoffvorhang davor ziehe.
Der Ruf …
… »Schatz?« …
… gilt mir.
Ich reagiere mit Anspannung darauf, dass sie näherkommt. Dann …
… »Hilfst du mir reintragen? Seth, Schatz? Ah, du bist im Keller. Hast du schon wieder geraucht? Das ist wirklich nicht gut für dich. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe früher ja auch geraucht, Schatz. Nur solltest du dir da wirklich kein Beispiel an mir nehmen. Und wenn ich es hinbekommen habe, aufzuhören, wirst du es auch schaffen. Du bist ja nicht dumm. Kommst du jetzt hoch?«
Nachdem ich drei volle Einkaufstüten in die Küche gebracht habe, bringe ich murmelnd das Thema an den Tisch, das Michael mir ins Ohr gesetzt hat.
Mama sieht mich aus großen, blauen Augen an und legt ihre Handtasche auf den Küchentisch, ohne die Riemen loszulassen. Als müsse sie sich irgendwo festhalten.
Ich weiß, wie sich dieser Griff anfühlt.
»Du willst einen Freund besuchen, sobald dein Arrest vorbei ist? Kennen wir ihn? Er geht in deine Klasse? Verstehe. Du hast ihn bisher nie erwähnt. Oh, und warum fehlt er so oft? Schatz, ich will nicht, dass du dir Freunde suchst, die einen schlechten Einfluss auf dich haben.«
Sie zieht die Tasche vom Tisch auf einen der Stühle und nickt. »Ja, lass mich mit ihm telefonieren. Räumen wir erstmal alles weg. Dann sollten wir auch Papa mit einbeziehen, wie er das sieht, ja?«
Ich nicke, weil ich nicht anders darauf reagieren kann, und beginne, die Tüte neben dem Herd auszuräumen.
Mama kramt hinter mir in einem der Schränke und ich drehe mich ein Stück zur Seite, um sie im Auge zu behalten.
»Weißt du, ich finde es gut, wenn du Freunde kennenlernst und nicht immer allein bist. Ich hätte dir so gerne einen Bruder oder eine Schwester geschenkt, aber das hat leider nicht geklappt.«
Ihr Körper huscht an mir vorbei, zum Kühlschrank. Die Tür wird geöffnet. »Vielleicht hat er ja gute Gründe, warum er so viel fehlt. Ich will daran glauben.«
Ich bin nicht sicher, ob ich mich für seine Gründe interessiere. Sie ändern auch nichts daran, dass ich gelegentlich zu seinem leeren Platz sehe und mich frage, was er gerade macht, wo er ist und ob ich dort auch hinkommen kann.
Mit einem Knacken im Daumen öffne ich die Lade neben der Spüle und lege die Packung frischer Putzlappen hinein.
Auf einmal steht Mama neben mir und reißt die Lappen wieder aus der Lade. »Nein, nicht dort. Seth, du weißt doch, wo die Sachen hingehören.«
Das habe ich bisher auch gedacht.
Aber vielleicht hat jemand angefangen, umzuräumen, ohne dass ich es bemerkt habe.
06
Wasser spült kühl um meine nackten Füße.
Der Fluss bahnt sich durch die ganze Stadt, teilt sie. In einen aufgewühlten, hektischen Teil und in einen ruhigen, abgegrenzten Teil.
Kein Innen und Außen.
Nur ein Nah und Fern.
Ein Hier oder Dort.
Ich und alle anderen.
Seit mehr als sieben Zigaretten sitze ich außerhalb der Reichweite jeder Straßenlaterne.
Die lauten Stimmen in Michaels Haus hallen immer noch in meinem Kopf nach. Die Lebendigkeit dort hat mich regelrecht erschlagen. Und ich wusste nicht, wie ich zurückschlagen soll.
Überall war ein wenig zu viel von allem.
Das bin ich nicht gewohnt.
Vor allem das Verhalten von Michaels Mutter, als sie …
… »Bleibst du zum Essen?« …
… mich begrüßt und umarmt hat. Sie hat nicht gefragt, wer ich bin oder zu wem ich will. Sie hat die Tür hinter mir geschlossen, mich mit Namen angesprochen, die nicht zu mir gehören, und über etwas gelacht, das ich nicht verstanden habe.
Als Michael mich endlich im Eingangsbereich eingesammelt hat, habe ich sie dabei beobachtet, wie sie sich zwei Tabletten eingeworfen hat, die in kleinen Döschen auf der Spüle stehen. Ordentlich aufgereiht.
Michael hat mich in der Küche abgesetzt, mich mit Worten und Wasser geflutet, während ich ihn gelegentlich aus den Augen verloren habe, weil ständig jemand etwas von ihm wollte. Überwiegend seine Geschwister, von denen ich mir keinen Überblick verschaffen konnte, weil es so viele sind.
»Sieben« …
… hat er mir erklärt, ohne dass ich danach gefragt habe.
Neben all seinen anderen Beschäftigungen hat er auch noch angefangen zu kochen. Für alle. Das hat mich überfordert. Vor allem, weil er kochen und reden und beiläufige Fragen der Geschwister beantworten konnte – ohne sich dabei einen Finger abzuschneiden.
Irgendwann ist er losgezogen, um eine Haarspange zu suchen, während aus den Töpfen hinter mir bedrohlich gurgelnde Geräusche gedrungen sind.
Nachdem ich fünfzehn Minuten allein in lärmender Isolation verbracht habe und noch nie so dringend in meinem Leben eine rauchen wollte, habe ich mich rausgeschlichen und Michael geschrieben, dass ich gehe.
Ich hätte einen Bus nach Hause nehmen können, vielleicht auch sollen, aber ich bin zu Fuß gegangen und schließlich beim Fluss stehen geblieben. Dort habe ich die Schuhe ausgezogen und mich hingesetzt.
Mit den Füßen im kühlen Wasser sitze ich nun hier.
Das fortwährende Tosen der Stadt wird vom Wind in meine Stille geworfen.
Ich zünde mir eine weitere Zigarette an und wappne mich für den Heimweg.
Denn auch wenn ich nicht zurück will …
… wo soll ich sonst hin?
07
Tage vergehen im üblichen Trott.
Schule.
Michael fehlt.
Das tut er oft, immer öfter.
Ich nur vereinzelt.
Der Lehrer meint, Michael sei krank.
Ich weiß, dass er das nicht ist. Er hat zu viel zu tun und ich kann seit meinem Besuch bei ihm verstehen, warum er in der Schule nur schläft.
Doch wen interessiert schon die Wahrheit, wenn sich Lügen so viel besser verbreiten lassen?
Nach der ersten Stunde fängt mich eine Lehrerin ab. Erst bin ich nicht sicher, ob sie mich meint, weil sie meinen Namen seltsam verdreht.
Schließlich greift sie auf meinen Nachnamen zurück. »Wenning. Tut mir leid, du hast einen dieser neumodernen Namen und ich bin nie sicher, wie man ihn wirklich ausspricht.«
Ist mir auch egal.
»Damit bist du ja nicht der Einzige. Du kennst doch Michael aus deiner Klasse. Seine Geschwister haben auch … abenteuerliche Namen. Das ist wohl der Zahn der Zeit, oder wie man sagt.«
Weiß ich nicht, ist mir egal.
»Jedenfalls würde ich es gut finden, wenn du dich im Unterricht mehr einbinden würdest. Nur hin und wieder. Einmal aufzeigen oder einer Diskussion beiwohnen. Mir ist aufgefallen, dass du manchmal einfach nur zum Fenster raussiehst und deinen eigenen Gedanken nachhängst. Ich weiß, deine Noten sind in Ordnung, trotzdem würde ich mich freuen, wenn du mehr aus dir herauskommen würdest. Zeig der Klasse, wer du bist.«
Aber wenn ich das mache, bekomme ich nur wieder eine Vorstrafe.
Mittagspause.
Ich nehme einen tiefen Zug, auch für Michael, und blase den Rauch zwischen den Ästen der Zedern aus.
Noch ein Zug.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Seit zwei Jahren praktiziere ich diese Atemtechniken schon. Und immer wieder stelle ich fest, dass mir diese Dinger kaum Befriedigung, aber zumindest eine Beschäftigung geben.
Müde beobachte ich den Parkplatz hinter der Schule.
Herr Zimmermann lehnt an seinem Auto, die Augen auf seinem Handy. Er ist der jüngste Lehrer an der Schule. Ich sehe ihn in Sport, manchmal in Geschichte und Mathematik, meistens hier auf dem Parkplatz.
Irgendwann sieht er hoch und entdeckt mich zwischen den Bäumen.
Ich rühre mich nicht, erstarre regelrecht bei dem Versuch, mit der Umgebung zu verschmelzen. Leider haben Erwachsene einen sechsten Sinn, wenn es darum geht, mich aufzuspüren. Schon vor ein paar Wochen hat Herr Zimmermann mich hinter der Sporthalle erwischt.
Schwänzend, rauchend.
Offensichtlich hat ihn das erstaunt, denn …
… »Du rauchst, Wenning? Gut, ich nehm dir die mal ab. Du kannst sie dir nach dem Unterricht wieder holen. Bis dahin wirst du dich umziehen und drinnen beim Spiel mitmachen. Durch all die Sportbefreiungen deiner Eltern kann ich dich bald nicht mehr beurteilen. Zum Ausgleich kannst du ja mal bei meinen Baseballstunden am Nachmittag vorbeischauen. Oh, und wenn du das hier weiterhin praktizieren willst, empfehle ich dir die Pausen dafür zu nutzen und Orte, an denen dich niemand sieht. Bei den Bäumen hinter dem Parkplatz zum Beispiel. Nur, fackle die Zedern dort bitte nicht ab.«
Herr Zimmermann ist kein gewöhnlicher Lehrer.
Auch jetzt nickt er mir nur zu. Grinsend. Eine unangenehme Grimasse.
Ich blase ihm Rauch entgegen, will mich dahinter verstecken. Er weiß, dass ich wegen ihm hier stehe.
Das nervt mich.
Ein wenig wütend zertrete ich den Zigarettenstummel bis zur Unkenntlichkeit, um Herrn Zimmermanns Bäume nicht abzufackeln, und mache mich auf den Weg nach Hause; darum bemüht das beständige Pochen in meinem Bein zu ignorieren.
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